Wissen Sie, was Albert Einstein, Leonardo Da Vinci und John Lennon gemeinsam haben? Alle drei waren Legastheniker. So, falls Sie gerade erfahren haben, dass Ihr Kind an Legasthenie vielleicht leidet, keine Panik. Hier ist für diejenigen, die verstehen möchten, was Legasthenie ist und wie geholfen werden kann, eine kurze Einführung in die Thematik.

Was ist Legasthenie ?

Auf diese Frage antworten zuerst diejenigen, die den ganzen Tag mit Legasthenie leben (deutsche Untertitel bitte auswählen):

Legasthenie, die auch unter Dyslexie bekannt ist oder noch als Lese-Rechtschreib-Schwäche bzw. Störung (LRS) bezeichnet wird, ist eine der verschiedenen „Dys“-Schwächen, die in diesem lehrreichen Video aus der TV-Serie „Es ist keine Hexerei“ beschrieben werden (leider nur auf Französisch). Unter Legasthenie versteht man eine massive und lang andauernde Störung des Erwerbs der Schriftsprache. Legastheniker haben Probleme mit der Umsetzung der gesprochenen zur geschriebenen Sprache und umgekehrt. Man unterscheidet zwischen SCHWÄCHE und STÖRUNG. Während eine „Schwäche“ durch eine geeignete Behandlung überwunden werden kann, verbleibt eine „Störung“ ein Leben lang und gilt als Behinderung. Man kann jedoch auch die Störung durch eine geeignete Behandlung soweit in den Griff bekommen, dass die anderen schulischen Leistungen nicht nachhaltig beeinträchtigt werden.

Es gibt zahlreiche Untersuchungen über die Ursachen, hierfür verweisen wir auf die entsprechend Fachliteratur. In Frankreich spricht man von neurobiologischen Ursache. Achtung: Die Störung tritt isoliert und erwartungswidrig auf, d. h. ohne z.B. eine generelle Minderbegabung oder eine schlechte oder gestörte Schullaufbahn. In Deutschland geht man davon aus, dass 4-6 % der Schüler betroffen sind. In Frankreich wird die Zahl mit 5-10 % angegeben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat „Legasthenie“ (Dyslexie) unter dem Kürzel ICD F 81.0 (s. Abbildung) als eine Entwicklungsstörung definiert.

Wie erkenne ich Legasthenie und wie kann geholfen werden ?

Zu Beginn des Schriftspracherwerbs können Probleme beim Aufsagen des Alphabets, der Benennung von Buchstaben oder dem Bilden von Reimen auftreten. Später zeigen sich z.B. die folgenden Leseprobleme:

  • Auslassen, Verdrehen oder Hinzufügen von Wörtern oder Wortteilen,
  • Verwechseln von Buchstaben oder von Buchstabenreihenfolgen,
  • Niedrige Lesegeschwindigkeit,
  • Startschwierigkeiten beim Vorlesen, langes Zögern oder Verlieren der Zeile im Text,
  • Vertauschen von Wörtern im Satz oder von Buchstaben in den Wörtern,
  • Schwierigkeiten in der räumlichen und zeitlichen Orientierung,
  • Konzentrationsschwierigkeiten.

Während viele dieser Probleme bei allen Leseanfängern auftreten, sich aber in der Regel noch in der ersten Klasse geben, halten sie bei Legasthenikern an. Ebenso können Probleme im Leseverständnis auftreten, die sich folgendermaßen äußern:

  • Unfähigkeit, Gelesenes wiederzugeben, aus Gelesenem Schlüsse zu ziehen oder Zusammenhänge zu sehen,
  • Gebrauch allgemeinen Wissens anstelle der Textinformationen beim Beantworten von Fragen.
Akademie Versailles (zuständige Schulbehörde)

Die Akademie Versailles hat in Zusammenarbeit mit Bucer Lehrkräften ein Merkblatt für Lehrerinnen zusammengestellt, welches auch den betroffenen Eltern eine Hilfestellung zum Verstehen der Schwierigkeiten ihres Kindes und z.B. für den erfolgreichen Verlauf der Hausaufgabenbetreuung geben kann. Für betroffene Kinder legt die Krankenschwester eine Akte an, in welcher der Grad der LRS beschrieben und Maßnahmen empfohlen werden.

Besonders in unserem zweisprachigen Umfeld, mit den damit verbundenen Leseschwierigkeiten und der Vermischungen beider Sprachen, kann eine Diagnose, ob es sich um Legasthenie oder „nur um die Folgen der Zweisprachigkeit“ handelt, nur von Fachleuten (Logopäden/Orthophonisten) getroffen werden. Das Gespräch mit den LehrerInnen ist hier ausgesprochen wichtig.

Schulische Folgen für Kinder mit LRS

Die oben beschriebenen Schwierigkeiten wirken sich natürlich auf alle Fächer aus. In allen Fächern schreiben und lesen die Kinder unzureichend bzw. anders als nicht betroffene Kinder. Das führt vielfach zu ausbleibendem Erfolg auch in den Fächern, die auf den ersten Blick nicht betroffen scheinen. Allgemein schlechte schulische Ergebnisse und mangelnde Motivation können die Folge sein, an deren Ende oft die Haltung „ich kann das eh‘ nicht“ oder „ich bin halt dumm“ oder „ich bin eben schlechter als die anderen“ steht.

Dieser Teufelskreis kann durchbrochen werden, wenn eine LRS diagnostiziert und entsprechend behandelt wird. Hier ist vor allem das Gespräch mit den LehrerInnen unabdingbar, damit für alle Betroffenen klar ist, dass es sich nicht um ein minderbegabtes, faules oder konzentrationsschwaches Kind handelt sondern um eins mit einer klar definierten Schwäche bzw. Behinderung (je nach Diagnose). Es gibt mittlerweile ausreichend Beispiele aus verschiedenen Bereichen, dass LRS-Kinder durchaus Karriere machen können (z.B. Agatha Christie, Franklin D. Roosevelt, Tom Cruise, Albert Einstein, Thomas Edison, Johannes Gutenberg, François Mitterrand, Auguste Rodin, Dominic O’Brien, Charles Darwin).

Rechtslage in Frankreich

In Frankreich fallen Kinder mit Dyslexie in den Geltungsbereich der Gesetze loi n° 2005-102 du 11 février 2005 pour « l’égalité des droits et des chances, la participation et la citoyenneté des personnes handicapées » und loi n°2013-595 du 8 juillet 2013 «d’orientation et de programmation pour la refondation de l’école de la République». Diese Gesetze regeln die Chancengleichheit von Schülern mit Behinderungen. Geltende Bestimmungen können auf der Webseite des französischen Ministeriums für Bildung eingesehen werden.

Die Gesetze sehen unterschiedlichste Formen der Unterstützung vor: z.B. Zeitzuschlag bei Examen, Zugang zum Kopierer, eine Hilfsperson zur Seite stellen, Weiterbildung des Lehrpersonals gemäß der Art der Behinderung.

Rechtslage in Deutschland

In Deutschland befasst sich seit 2003 die deutsche Kultusministerkonferenz mit dem Thema. Jedes Bundesland hat einen sogenannten Legasthenieerlass. In manchen Bundesländern, z.B. Baden-Württemberg ist dieser jedoch mittlerweile in die ganz normale Verwaltungsvorschrift des Kultusministeriums „Kinder und Jugendliche mit Behinderungen und besonderem Förderbedarf“ integriert worden. Es werden dort Maßnahmen für Legastheniker aufgeführt, z.B. Therapie, Notenschutz oder Zeitzuschläge von bis zu 50 %. Die Palette ist weit und wird den jeweiligen Bedürfnissen der betroffenen Kinder angepasst.

Wo finde ich Hilfe ?

Die Behandlung fällt in den Bereich der Logopädie (in Frankreich: Orthophoniste). In Frankreich werden Test und Behandlung (auf Französisch) von der Krankenkasse übernommen. Man benötigt eine Überweisung zum Orthophonisten durch den Allgemeinmediziner. Es wird dann zunächst ein Test (Bilan) gemacht, um herauszufinden, ob es sich tatsächlich um Legasthenie handelt oder ob andere Ursachen für die Störung vorliegen. Wird ein Behandlungsbedarf festgestellt, werden entsprechende Sitzungen angeboten, die sich i.d.R. über mindestens 1 Jahr schulbegleitend (1-2 x pro Woche) erstrecken.

In Deutschland wird eine Untersuchung in einer spezialisierten Praxis (Kinderpsychologie UND Logopädie in einer Praxis) durchgeführt. Die Behandlung wird unter bestimmten Umständen von der Krankenkasse übernommen.

Ausprägung, Art und Umfang der Legasthenie kann in den verschiedenen Sprachen variieren. Insofern ist es optimal, eine Behandlung in der jeweils betroffenen Sprache durchzuführen. Eine Logopädin zu finden, die deutsch spricht ist schwierig, allerdings ist es im Zeitalter von Skype o.ä. möglich, regelmäßige Fernsitzungen durchzuführen.

Nur Mut !

Keine Angst – Legasthenie ist zwar anstrengend, aber definitiv kein Hindernis, um am LFA zu bestehen ! Wichtig sind Mut, Ausdauer und der regelmäßige Austausch mit der Schule !

Weitere Information

Hier sind nützliche Links zu auf die Thematik bezogenen Inhalten (auf deutsch und französisch):